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Bildung muss teurer werden

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Die SPD hat angekündigt, ihren Markenkern als Partei der sozialen Gerechtigkeit stärken zu wollen und dafür u.a. die Ausgaben für Bildung zu erhöhen. Es gibt noch mindestens zwei weitere Gründe, warum dies notwendig ist. Ein weiterer Grund ist, dass Arbeit in der postindustrialisierten Gesellschaft höhere Qualifikationen erfordert. Auch wenn man nicht glaubt, dass Computer zukünftig uns alle arbeitslos machen werden, sie werden aber sicher die Arbeitswelt grundlegend verändern, und zum Verschwinden vor allem einfacherer Tätigkeiten beitragen. Ein dritter Grund schließlich ist, dass sich Bildung als soziale Dienstleistung nur begrenzt rationalisieren lässt, und damit im Verhältnis zu rationalisierbaren Leistungen teurer werden muss.

Wer als Bildungsverantwortlicher in einem Industrieunternehmen arbeitet, kennt das Problem. Besonders in Unternehmen mit hohem Automatisierungspotenzial steigt der Druck auf die Bildungsabteilung, ebenso Personal einzusparen wie in der Produktion. Ausbildungsleitern bleibt dann oft nur die Wahl, entweder die Leistungen insgesamt oder die Qualität dieser Leistungen einzuschränken. Beides ist gleichermaßen fatal, denn es schwächt die Stellung für Aus- und Weiterbildung im Unternehmen. Vor allem die Senkung der Qualität z. B. durch Erhöhung der Gruppengröße in der Ausbildung oder der Teilnehmerzahl in der Weiterbildung, setzt eine verhängnisvolle Abwärtsspirale in Gang. Mit der sinkenden Qualität der Bildungsleistungen verlieren Aus- und Weiterbildung an Akzeptanz. In den schwer unter Rationalisierungsdruck leidenden produktiven Bereichen nimmt die Bereitschaft ab, für die niedrige Qualität der Bildungen auch noch zu bezahlen. Erschwerend kommt hinzu, dass in der unternehmensinternen Finanzrechnung der Bildungsbereich mit den gleichen Gemeinkosten belastet wird, wie alle anderen Bereiche auch. Das führt dann nicht selten dazu, dass externe Anbieter, die schlanker kalkulieren, im internen Kostenvergleich gegenüber den Angeboten aus dem eigenen Haus bevorzugt werden.

Der Rationalisierungsdruck, dem die Bildung in Unternehmen ausgesetzt ist, gilt auch für Volkswirtschaften insgesamt. Im Unterschied zu Unternehmen werden die Beschäftigen in den öffentlichen Bildungsbereichen nach eigenen Tarifverträgen bezahlt. Während in den Unternehmen die im Bildungsbereich Beschäftigen also vor Einkommensverlusten weitgehend geschützt sind, müssen Lehrer und Erzieher darum kämpfen, nicht in der allgemeinen Lohnentwicklung abgehängt zu werden. Das erklärt die vielen Streikdrohungen in diesen und anderen Dienstleistungsbereichen.

Die Begründung für diese Gesetzmäßigkeit ist einfach. Ob Lohnerhöhungen gerechtfertigt sind, wird an zwei Kennzahlen gemessen, der Inflationsrate und dem durchschnittlichen Produktivitätsfortschritt. Während die Inflation alle Konsumausgaben gleichermaßen trifft, werden Produktivitätsfortschritte von Berufen und Branchen unterschiedlich erwirtschaftet. Für einzelne Unternehmen ist dies nachvollziehbar, es gilt aber auch für Volkswirtschaften insgesamt. Es handelt sich um eine Verallgemeinerung des Gesetzes komparativer Kostenvorteile, nur das hier nicht Länder, sondern Wirtschaftsbereiche verglichen werden. Nach diesem Modell bekommen alle Beschäftigten die gleichen prozentualen Lohnerhöhungen, tragen aber unterschiedlich zum Produktivitätsfortschritt bei. So, wie in einem Unternehmen die anteiligen Kosten für Bildung steigen, nur um den Stand der Qualität zu sichern, müssen das die Ausgaben in den öffentlichen Haushalten auch. Selbst ohne Expansion muss Bildung deshalb gesamtwirtschaftlich teurer werden, wie für vergleichbare öffentliche Dienstleistungen, vorausgesetzt, die dort Beschäftigten wollen keine Einkommensverluste erleiden. Nicht zuletzt deshalb lobt die Bildungspolitik so begeistert Ehrenamtliche, wenn sie in Schulen als Lesepaten oder Mediatoren kostenlos das tun, was der Staat nicht leisten will.

Die gleiche Gesetzmäßigkeit erklärt auch, warum Handwerker-Rechnungen immer teurer werden, denn auch hier sind die Rationalisierungsmöglichkeiten im Vergleich zur Industriearbeit gering.

Wer also versucht, Bildungskosten zu deckeln, kann so vielleicht seinen Haushalt sanieren, gefährdet damit aber den zukünftigen Wohlstand der ganzen Nation. Der globalisierte Wettbewerb wird zunehmend durch die Konkurrenz der Bildungssysteme bestimmt. Vor allem unter Kostengesichtspunkten hat Deutschland hier mit seinem für die öffentlichen Kassen vergleichsweise kostengünstigen und trotzdem leistungsfähigen Dualen System der beruflichen Bildung einen deutlichen Vorteil. Mit der gegenwärtigen Expansion der Hochschulausbildung verringert sich dieser Vorteil gleich zweifach: Zum einen wird Bildung insgesamt damit deutlich teurer. Zum anderen wird der dualen Ausbildung Humanpotenzial entzogen. Bildung wird damit also auf jeden Fall teurer, weil sich die Bildungszeiten verlängern, doch ob damit auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit gesteigert wird, darf bezweifelt werden. Mehr Bildung ist vor allem dort notwendig, wo Arbeitsplätze durch die technische Entwicklung bedroht sind. Wer also mit Bildungsausgaben die soziale Gerechtigkeit verbessern will, darf nicht nur die Etats erhöhen, sondern muss auch vorgeben, wohin das Geld fließen soll. Im Übrigen ist Bildung Aufgabe der Länder, es bleibt deshalb abzuwarten, wie die SPD ihre Versprechungen einlösen wird.

 

 

 

20.05.2016

© Johannes Koch

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