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Duales Studium im BBiG verankern

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Die ersten Bilanzen zur Vermittlung von Ausbildungsplätzen für 2016 werden veröffentlicht. Tenor: Viele Plätze bleiben unbesetzt, die duale Ausbildung verliert gegenüber Hochschulangeboten. Diese Ergebnisse kommen keineswegs unerwartet. Wenn die Bildungspolitik die Abiturientenquote erhöht, geht dies zu Lasten des dualen Systems. Warum soll jemand die Kosten und Mühen eines Abiturs auf sich nehmen, wenn er oder sie dann doch nicht studiert? Der Rückgang dualer Ausbildung ist folgerichtig, aber nicht alternativlos. Eine naheliegende Alternative sind duale Studiengänge. Drei Argumente sprechen für den Ausbau dieses Bildungsweges.

1. Die duale Ausbildung steht nicht nur vor quantitativen Herausforderungen, sondern (vor allem) vor qualitativen. Automatisierung und Informatisierung der Arbeitswelt führen teilweise zu dramatischen Steigerungen der Anforderungen an Arbeitskräfte. Alle reden gegenwärtig von der Industrie 4.0. Noch ist aber völlig unklar, mit welchen Qualifizierungen darauf vorbereitet werden kann. Viel spricht deshalb dafür, betriebliche Ausbildungen für bestimmte Berufe auch auf einem höheren Niveau anzubieten.

2. Deutschland wird in internationalen Bildungsvergleichen regelmäßig (insbesondere von der OECD) seine niedrige Quote von Studienabschlüssen vorgehalten. Zwar verstehen die Ersteller dieser Studien zunehmend die Rolle der dualen Ausbildung, zumal sich der behauptete Zusammenhang zwischen der Anzahl der Studienabschlüsse und dem wirtschaftlichen Erfolg eines Landes bisher nicht nachweisen lässt. Offen bleibt jedoch, wie gut das duale System für die sog. postindustrielle Gesellschaft gerüstet ist, als sicher gilt, dass der Bedarf an gering qualifizierten Arbeitskräften weiter abnehmen wird. Mit dualen Studiengängen ließe sich die Quote der Studienabschlüsse schnell erhöhen, ohne dafür die Vorteile einer praxisbezogenen Qualifizierung aufgeben zu müssen.

3. Wie die Wirtschaft insgesamt, globalisiert sich auch der Arbeitsmarkt. Dies führt zu einer internationalen Konkurrenz der Qualifikationen. In der Europäischen Union wird ein gemeinsamer Arbeitsmarkt ausdrücklich angestrebt. Absolventen des dualen Systems geraten dabei in Ländern, die diesen Bildungsweg nicht haben, ins Hintertreffen. Vergleicht man die Inhalte mancher Bachelor-Studiengänge in anderen europäischen Ländern mit den Ausbildungsinhalten entsprechender Berufe, dann können viele jetzt schon durchaus mithalten. Auch dies spricht für einen Ausbau dualer Studiengänge.

2011 habe ich zusammen mit einigen Kolleginnen und Kollegen für die Hans-Böckler-Stiftung duale Studienangebote in verschiedenen Unternehmen untersucht. Mich hat in der Konsequenz nur das Modell der Dualen Hochschule in Baden-Würthemberg (frühere Berufsakademien) überzeugt. Nur in diesem Modell findet eine systematische Abstimmung zwischen Betrieb und Hochschule statt. In manchen anderen Betrieben sollte man besser von einem Studium während der Ausbildung sprechen, weil das eine wenig mit dem anderen zu tun hat.

Dies veranlasst mich, hier einen Vorschlag zu wiederholen, den ich 2011 gemeinsam mit Egon Meerten für das BMBF erstellt habe, der aber leider bisher nicht aufgegriffen worden ist, das duale Studium als möglichen Bildungsweg in das Berufsbildungsgesetz (BBiG) aufzunehmen, um damit den Betrieben einen bewährten Rechtsrahmen zu bieten. (Hier als pdf).

Nach diesem Vorschlag ersetzt das duale Studium den Besuch der Berufsschule. Der erfolgreiche Studienabschluss sollte von der Abschlussprüfung befreien. Die Praxiserfahrungen ließen sich alternativ durch ein betriebliches Zeugnis als eine Art Portfolio dokumentieren.

Für ein solches duales Studium sind verschiedene Varianten vorstellbar. Favorisiert wird ein Konzept, nach dem

-          sich die Studiengänge an den Inhalten anerkannter Ausbildungsberufe orientieren

-          die Berufsbezeichnung im Studienabschluss erkennbar ist

-          eine Abstimmung zwischen Betrieb und Studium nach dem Muster der Abstimmung zwischen Zeitrahmen und Lernfeldern erfolgt.

Ein Hindernis für die breite Einführung eines dualen Bachelors ist, dass es nicht in jedem Ort eine Fachhochschule gibt. Aus diesem Grund hat sich die Duale Hochschule auch nach Blöcken mit zentraler Unterbringung organisiert. Dies macht duale Studienangebote nicht nur vergleichsweise teuer, es widerspricht auch dem Ideal einer engen Verbindung von Theorie und Praxis. Eine Alternative sind netzgestützte Studienangebote im virtuellen Verbund. An der Planung und Einführungen solcher Modelle durch die Deutsche Telekom AG habe ich mitgewirkt. Der Telekom ist es gelungen, die zentralen Präsenszeiten auf zehn bzw. zwölf Wochen zu begrenzen, für die gesamte Studiendauer von drei Jahren.

 

04.04.2016

© Johannes Koch

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