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Ernst Neumann zum Geburtstag

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Am 5. Februar feiert Ernst Neumann seinen 93. Geburtstag. Er war von 1966 bis 1988 Leiter der Ausbildung der Stahlwerke Salzgitter. 12 Jahre habe ich mit ihm zusammengearbeitet. Ein Freund hat mal gesagt, ich wäre sein letzter Lehrling, die anderen Tausende waren ja Auszubildende. Das meiste, was ich von betrieblicher Ausbildung verstehe, habe ich von ihm direkt oder durch die Arbeit in seiner Ausbildung gelernt.

Wie wichtig die Qualifikation von Fachkräften für ein Unternehmen ist, kannte Ernst Neumann aus 13 Jahren als Leiter der Elektrohauptwerkstatt. Manfred Heckenauer, Herausgeber der Festschrift zum 60. Geburtstag, schrieb dazu: „Fest verankert im Betrieb, ein Betriebsmann, wie man ihn sich nicht besser denken kann, hat er nicht nur über den »Tellerrand« hinausgeschaut, sondern auch sein Engagement nicht verweigert. Das reichte von den grundsätzlichen Fragen methodischer und didaktischer Art des Lernorts, der Ausbilderqualifizierung und der Ausbildungsmittel über politische Konzeptionen zur Gestaltung des Berufsbildungssystems bis zu Gutachten und Hilfen in der dritten Welt. Er hat den betrieblichen Bereich nie verlassen, hat aber seine Erfahrungen dort nicht für sich behalten, sondern sie hinausgetragen – und umgekehrt hat er das, was er draußen an Fragen, Problemen und Erkenntnissen gewann, in den Betrieb zurückgebracht.“

Berater brauchen Auftraggeber, sollen die Ergebnisse innovativ sein, brauchen sie innovationsfreudige Auftraggeber. Die Landschaft der betrieblichen Bildung war damals mehr als heute geprägt durch große Ausbildungszentren, besonders der Eisen- und Stahlindustrie. Das größte war das von Thyssen, die bekanntesten die von Krupp, wir in Salzgitter waren das innovativste, dank unseres Ausbildungsleiters. Er war ständig bemüht, Ausbildung zu verbessern. Das hat uns zusammengebracht. Deshalb will ich den Anlass nutzen, etwas über eine gemeinsame Innovationsleistung zu berichten, die bis heute nachwirkt, die Leittextmethode. Das erlaubt mir, auch einige Namen zu nennen, die relevant an dieser Innovation mitgewirkt haben.

Finanzielle Grundlage für die Entwicklungsarbeit war das Förderprogramm des Bildungsministeriums für Wirtschaftsmodellversuche, das vom Bundesinstitut für Berufsbildung umgesetzt wurde. Unser Betreuer war Dietrich Weissker, auch er ein leidenschaftlicher Innovator. Er war nicht sehr an Berichten interessiert, schon gar nicht an statistischen Auswertungen, sondern an Gesprächen mit Ausbildern und Auszubildenden. Hier suchte er nach Bestätigungen, ob Innovationen bei denen angekommen, für die sie gedacht waren. Ich kann mich an mehrere Situationen erinnern, in denen wir in Sorge waren, gebuchte Züge zu verpassen, weil wir ihn mal wieder nicht aus der Werkstatt heraus lotsen konnten. Dietrich Weissker verfügte aber noch über eine für Innovationen unerlässliche Eigenschaft: Geduld. Wenn er von einer Idee überzeugt war, konnte er auch Rückschläge mittragen und mit eigenen Anregungen zum Weitermachen ermutigen. Von der Leittextmethode war er so überzeugt, dass er nach seinem Ausscheiden aus dem Institut sich damit selber in der Ausbildungspraxis engagiert hat.

Zwei weitere Namen aus dem Entwicklungsteam sind zu nennen. Für die praktische Umsetzung war Peter-Jürgen Schneider verantwortlich, der später mehrere Jahre mein Büropartner war. Theoretische Impulse verdankten wir meiner damaligen Frau Brigitte, sie hatte gerade ihr Psychologiestudium abgeschlossen, war für Literaturrecherchen zuständig und brachte ihre umfassenden Kenntnisse der Arbeitspsychologie und des sich gerade erst entwickelnden Kognitivismus in die gemeinsame Arbeit ein. Die Vorstellung, auch Facharbeit beginne im Kopf, war in der damaligen Zeit, geradezu revolutionär.

An den Entwicklungsarbeiten waren noch zwei weitere Unternehmen mit eigenen Modellversuchen beteiligt, die Ford Werke in Köln (mit dem wissenschaftlichen Begleiter, Joachim Rottluff, bin ich bis heute befreundet) und VEBA-OEL in Gelsenkirchen. Diese vom BIBB initiierten Kooperationen sicherten eine breite Erprobungsbasis und einen regelmäßigen Austausch von Anregungen und Ergebnissen.

Innovationen sind selten völlig neu, sondern bauen auf anderen Entwicklungen auf. Zwei sind hier besonders zu nennen. Eine ist verbunden mit Günter Wiemann. Er war Leiter der Berufsschule in Salzgitter und dann Professor für Berufspädagogik in Hannover. In dieser Zeit hat er sich bemüht, die sich gerade entwickelnde Handlungsorientierung in die Berufsschulen zu tragen. Unter den besonderen Bedingungen der Berufsschulen ist das bis heute nur sehr eingeschränkt gelungen. Günter Wiemann hat später seine Konzepte in Projekten der Entwicklungshilfe realisiert. Umso überzeugter waren Ernst Neumann und ich von diesem Konzept. Wir glaubten, die betriebliche Ausbildung könnte bessere Rahmenbedingungen für die Umsetzung bieten als Schulen.

Die zweite Entwicklung, auf der wir aufbauen konnten, war das Projekt Dampfmaschine des LKW-Werkes der Daimler-Benz AG in Gaggenau, entwickelt von Rudolf Walz. Wenn man nach einem Vater der Leittexte sucht, dann ist er es. Als Leiter der Metallausbildung wollte er etwas gegen den Motivationsverlust seiner Auszubildenden tun und hat die Übungen des Grundlehrgangs Metall in ein Projekt hineingeplant. Als Folge war er dann mit den unterschiedlichen Lern- und Arbeitsgeschwindigkeiten der Auszubildenden konfrontiert. In der alten Lehrgangsausbildung konnten Ausbilder diese Unterschiede durch zusätzliche Übungen ausgleichen, mit dem Projekt war das nicht möglich. So entstand das Konzept der Lernindividualisierung durch leistungshomogene Teams. Dazu passten die üblichen Gruppenunterweisungen nicht mehr. Seine Lösung war Selbstlernen der Teams mit Tonbildschauen und Leittexten. Daher stammt der Name Leittextmethode, die heute besser Leitfragenmethode genannt werden müsste.

In Salzgitter haben wir beide Entwicklungen zusammengeführt: die Handlungsorientierung und die individualisierte Projektarbeit mit Selbstlernen in Teams, und vor allem das Modell der vollständigen Handlung aus der Arbeitswissenschaft als Lernmodell für die berufliche Bildung eingeführt. Der Vorschlag, die Vollständige Handlung als Kreis darzustellen kam von Ford, die Idee der Erkundungsleittexte von VEBA-OEL. Eine Reproduktion der BIBB-Veröffentlichung über die Ergebnisse kann hier abgerufen werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

04.02.2016

© Johannes Koch

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