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Flüchtlinge integrieren

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Wir schaffen das! Aber wie? Mein Eindruck ist, wir führen die falschen Diskussionen. Ob Obergrenze oder Kontingent, mehr als eine Million Flüchtlinge sind schon da und müssen integriert werden.

In meinem Kurzbeitrag habe ich den Vorschlag gemacht, für die berufliche Integration verstärkt den Weg über die Zulassung zur Prüfung in besonderen Fällen nach § 45 BBiG zu wählen, nicht statt, sondern ergänzend zu Ausbildung, Studium oder Beschäftigung. Zwei Innungen und eine Kammer haben Interesse signalisiert. Deshalb möchte ich hier meine Argumente für diesen Vorschlag vertiefen.

Die Grundüberlegung ist, gezielt durch Qualifizierungsmaßnahmen auf bestimmte betriebliche Einsatzbereiche vorzubereiten. Die Qualifizierten sollen bereits nach kurzer Zeit dem Betrieb als vollwertige Arbeitskraft zur Verfügung stehen. Die einzelnen Qualifizierungsmaßnahmen entsprechen damit einem Anlerntraining. Erst durch mehrfachen Wechsel der Einsatzbereiche, und wiederum entsprechende Vorbereitungen, wird das vollständige Berufsbild abgedeckt und damit die Voraussetzungen für die Zulassung zur Prüfung erfüllt. Da es sich hierbei nicht um ein Ausbildungsverhältnis nach dem BBiG handelt, kann die Beschäftigung auch in nicht-ausbildungsberechtigten Betrieben erfolgen, entscheidend ist allein, dass ein Teil der Arbeitstätigkeiten Berufsbildpositionen der jeweiligen Ausbildungsordnung entsprechen.

Vorteil dieser Organisation ist, dass vor allem junge Erwachsene schnell in eine Beschäftigung vermittelt werden können und ein eigenes Einkommen erzielen.

Möglich ist diese Organisation der Qualifizierung, weil Berufe in aller Regel breiter konstruiert sind als entsprechende betriebliche Einsatzbereiche. Auch in der betrieblichen Ausbildung ist es üblich, die Vollständigkeit der Ausbildungsinhalte durch die Versetzung in verschiedene Betriebsabteilungen zu erreichen.

Voraussetzungen für ein solches Qualifizierungsprogramm sind zum einen, dass es Betriebe gibt, die nach entsprechend qualifizierten Arbeitskräften suchen, zum anderen Bildungsträger, die Qualifizierungen nicht nur am eigenen Kursprogramm, sondern an den geforderten Arbeitstätigkeiten der Betriebe ausrichten. Solche flexiblen und individualisierten Qualifizierungen sind zwar noch ungewöhnlich, aber durchaus möglich. Vor zwei Jahren habe ich einen Bildungsträger in der Oberpfalz beraten, dessen Geschäftsmodell darauf ausgerichtet ist, dass Betriebe der Region auch einzelne Auszubildende jederzeit und auch tageweise für bestimmte Qualifizierungen anmelden können. Mit diesem flexiblen Qualifizierungsangebot konnte sich dieser Träger in nur wenigen Jahren einen erheblichen Marktanteil erarbeiten. Besonders gute Chancen haben hier überbetriebliche Bildungszentren des Handwerks, die ständig Kurse zu allen relevanten Berufsinhalten durchführen, und denen es deshalb leicht fallen sollte, auch einzelne Flüchtlinge in ihre Maßnahmen zu integrieren.

Ergänzend noch einige Überlegungen zur Auswahl der Betriebe und der Ausbildungsberufe:

Viele Flüchtlinge werden sich hier dauerhaft integrieren, andere in ihre Heimatländer zurückkehren wollen, wenn dort wieder bessere Verhältnisse herrschen. Es ist zu erwarten, dass in den jetzt weitgehend zerstörten Ländern dann vor allem Qualifikationen für den Haus- und Wohnungsbau gefragt sein werden. Dies spricht für Qualifizierungen vor allem in entsprechenden Handwerksberufen, bedeutet aber auch, dass sich die Betriebe mit der Qualifizierung ihren Fachkräftebedarf nicht längerfristig sichern können. Für diese Betriebe bietet sich deshalb eher ein Modell nach dem Prinzip eines Durchlauferhitzers an. Bedarf wird es noch länger geben. Anders wird es bei typischen Industrieberufen sein. Ausbildung ist für diese Betriebe eine Investition, die sich erst nach längerer Beschäftigung auszahlt. Dies gilt auch, wenn die Qualifizierung nach dem hier vorgeschlagenen Modell durchgeführt wird.

Abschließend noch eine Bemerkung: Sorgen bereiten mir weniger die hohen Flüchtlingszahlen, sondern dass mit einer gelingenden Integration nicht nur die wirtschaftliche Stärke unseres Landes, sondern auch die Ungleichgewichte in  der Europäischen Union zunehmen werden. Wirtschaftspolitisch ist die Verweigerung von Zuwanderung in alternde Gesellschaften pure Unvernunft.

 

 

29.10.2015

© Johannes Koch

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