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Individuell fördern

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 Zum Geburtstag von Ernst Neumann habe ich den Bericht über unseren innovativsten Modellversuch gescannt und ins Netz gestellt (hier). Die Entwicklung und Erprobung eines lernzielorientierten Diagnose- und Stützsystems, und damit die Weiterentwicklung der von Daimler-Benz übernommenen Leittextmethode, wurde 1979 – 82 durchgeführt, ist also mehr als 30 Jahre her. Ist das heute überhaupt noch relevant?

Viele der damals mit dem Modellversuch verfolgten Ziele werden heute anders gesehen und bewertet. Die Entwicklung fand in einer Ausbildungswerkstatt für das Lernen an einem Projekt, der Hobbymaschine, statt. Das würde man heute so allenfalls noch in einer überbetrieblichen Ausbildung machen, damals galt ein solches Konzept als revolutionär. Die Rückbesinnung auf den Wert des Lernorts Betrieb erfolgte erst eine gute Dekade später, und auch das heute aktuelle Konzept des Lernens in Arbeitsprozessen hat sich längst noch nicht in allen Betrieben durchgesetzt (siehe dazu: Anleitung).

Die Entwicklungen zum Diagnose- und Stützsystem hingegen sind heute wichtiger denn je. Der massive Ausbau des Hochschulsystems entzieht der betrieblichen Ausbildung leistungsfähige Bewerber. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Fachkräfte teilweise dramatisch. Die gestiegene Zahl von Abiturienten in der dualen Ausbildung ist keine Lösung zur Deckung des Facharbeiterbedarfs, denn die meisten studieren anschließend und kehren allenfalls als Ingenieure in Betriebe zurück. Will man in Deutschland auch in Zukunft qualifizierte Fachkräfte, wird dies nur mit intensiver Förderung junger Leute ohne Hochschulabschluss gelingen. Eine Alternative wäre allenfalls der konsequente Ausbau dualer Studiengänge, darauf gibt es aber bisher keine Hinweise. Wie sich Jugendliche mit niedrigeren Bildungsvoraussetzungen dennoch erfolgreich ausbilden lassen, dafür zeigt das damals entwickelte Förderkonzept nach wie vor einen erfolgversprechenden Weg.

Vor allem wurden mit dem Modellversuch Verfahren für die flexible individuelle Förderung in Lerngruppen erprobt, die den unterschiedlichen Persönlichkeiten und Lerngeschwindigkeiten der Schülerinnen und Schüler auf der Grundlage einer lernprozessbegleitenden Diagnostik, Beratung und Förderung gerecht wird. Das lernzielorientierte Diagnose- und Stützsystem erfüllt damit Forderungen der neuen Rahmenrichtlinien für den Schulunterricht für die Länder Berlin und Brandenburg. Es eignet sich insbesondere für die Qualifizierung auch von Schülerinnen und Schülern mit sehr unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen und damit besonders für die Beschulung jugendlicher Flüchtlinge, von deren Erfolg nicht zuletzt die Integration dieser Zielgruppe abhängen wird.

Bleibt zu begründen, warum wir damals schon einen Bedarf zur gezielten Förderung in der Ausbildung gesehen haben. Die Stahlwerke Salzgitter waren und sind bis heute der größte Ausbildungsbetrieb in der Region und konnten sich ihre Auszubildenden aus einer großen Zahl von Bewerbern auswählen. Der Grund für ein Förderkonzept war die von Ernst Neumann entwickelte Strategie der Personalentwicklung. Stahlwerke bieten nur wenige attraktive Arbeitsplätze. Arbeit in der Produktion wird bestimmt durch Schichtarbeit, Dreck und Lärm. Wer die Chance hat, sucht sich Arbeit in einem angenehmeren Umfeld. Der Schluss daraus: eine Bestenauslese unter diesen Bedingungen ist der sicherste Weg, die durchschnittliche Qualifikation der Beschäftigten zu senken, man nimmt die Besten und bildet sie gut aus. Sie haben gute Chancen, einen attraktiveren Arbeitsplatz zu finden. Dafür muss dann der Betrieb Arbeitskräfte einstellen, die ihm zuvor nicht gut genug waren, und die in anderen Betrieben eher schlechter ausgebildet worden sind. Die Strategie von Ernst Neumann war - vor allem in den Metallberufen - in den Eignungsanforderungen möglichst weit nach unten zu gehen und dann optimal zu fördern.

Die Eignungstests zur Auswahl der Auszubildenden waren auf diese Personalentwicklung ausgerichtet. Gesucht wurden vor allem Bewerber mit schlechten Schulnoten, aber mit einer guten Entwicklungsprognose gemessen vor allem durch gute Intelligenzwerte in sprachfreien Tests.

Für Ausbilderinnen und Ausbilder bedeutete diese Auswahl eine große Herausforderung, oft bis zur psychischen Belastungsgrenze. Ihre Arbeit vor allem sollte durch ein praktikables Förderkonzept unterstützt werden. Das Konzept des individualisierten Lernens ist von vielen Unternehmen aufgegriffen und kontinuierlich weiterentwickelt worden. Es gehört heute zu den etablierten Methoden der betrieblichen Ausbildung in größeren Unternehmen. Die Erfahrungen lassen sich auf schulische Förderprogramme für jugendliche Flüchtlinge, aber auch für schwache Schüler übertragen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

25.02.2016

© Johannes Koch

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