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 Betriebe brauchen intelligente Auszubildende

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 Im September beginnt das neue Ausbildungsjahr und erste Bilanzen zum Vermittlungserfolg werden veröffentlicht. Wieder gibt es sowohl noch offene Lehrstellenangebote als auch unversorgte Bewerber. Bildungspolitiker und Arbeitsmarktexperten sprechen deshalb von einem Mismatch, Angebot und Nachfrage passen auf dem Ausbildungsstellenmarkt nicht vollständig zusammen. Das allein ist nicht besonders tragisch. Die meisten Schulabgänger haben einen Ausbildungsplatz gefunden, wenn auch nicht immer in ihrem Wunschberuf. Bildungspolitiker fordern sogar ein Überangebot an Ausbildungsplätzen, um so die Auswahlmöglichkeiten der Jugendlichen bei dieser für ihr Berufsleben wichtigen Entscheidung zu verbessern.

Bedenklich ist ein anderer Befund. In einer Befragung von IHK und HWK in Berlin geben über Zweidrittel der Betriebe an, Bewerber wegen unzureichenden schulischen Vorkenntnissen abgelehnt zu haben. Manche Betriebe haben die Ausbildung deshalb sogar ganz aufgegeben. Eine Ursache für diese Entwicklung ist, dass immer mehr Schülerinnen und Schüler die Hochschulreife erwerben und anschließend ein Studium beginnen. Ich habe dazu in alten Unterlagen von 1974 nachgeschaut. Die 96 Betriebsschlosser in meinem ersten Modellversuch, überwiegend Hauptschüler mit Abschluss, einige auch ohne, hatten einen Intelligenzdurchschnitt von 97. Damit lagen sie dicht am Durchschnitt von 100, an denen diese Tests normiert werden. Fast die Hälfte von ihnen verfügte damit über eine überdurchschnittliche Intelligenz. Nimmt man diese gemessene Intelligenz als Prognosewert, dann würde heute die Hälfte von ihnen studieren, wahrscheinlich die intelligentere Hälfte.

Aus der Bildungspolitik hört man dazu Forderungen, die Betriebe sollten mehr für die Förderung ihrer Auszubildenden tun. Viele tun das bereits. Manche Stimmen sehen die Integrationsfähigkeit des dualen Systems generell auf dem Prüfstand. Was die Schule in zehn Jahren nicht geschafft hat, sollen nun bitte die Betriebe richten. Oft klappt das sogar. All denen, die in der betrieblichen Ausbildung vor allem ein Auffangbecken für schwache Schüler sehen, wünsche ich, dass sie diesen wieder begegnen, wenn sie ihr Auto zur Inspektion bringen, ihre Heizung nicht funktioniert oder die Elektroinstallation für eine neue Küche brauchen.

Dann gibt es Bildungsexperten, die das Ende des dualen Systems kommen sehen, weil inzwischen weniger als die Hälfte der jungen Menschen darüber ihren Weg ins Berufsleben suchen. Da wird Quantität und Qualität verwechselt. Es ist erst ein halbes Jahrhundert her, da haben nicht einmal zehn Prozent eines Jahrgangs studiert. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Hochschulbildung deshalb für irrelevant zu halten.

Können wir uns also zurücklehnen und den Trends zu mehr Studenten und weniger Auszubildenden ruhig zuschauen? Beunruhigen sollte uns nicht die quantitative Entwicklung, sondern die qualitative. Die Expansion des Hochschulbereichs entzieht dem dualen System Entwicklungspotenzial. Das ist gefährlich, weil gleichzeitig in vielen Berufen die Anforderungen dramatisch steigen. Zwar gibt es noch einige Berufe mit niedrigen intellektuellen Anforderungen, die werden jedoch immer weniger. Ein typisches Beispiel ist die Ablösung des KFZ-Mechanikers durch den KFZ-Mechatroniker. Ein Beruf, dessen Image durch Reifen- und Ölwechsel geprägt war, braucht heute Kompetenzen in Elektronik und Regelungstechnik. Von dieser Entwicklung sind nicht nur Industrieberufe betroffen, sondern gerade das Handwerk. Kann die Industrie oft durch Arbeitsteilung niedrige Qualifikationen ausgleichen, ist das im Handwerk nur sehr begrenzt möglich.

Neue technische Entwicklungen werden in Produkten genutzt, die von Handwerkern installiert und gewartet werden sollen. Wie sehr technischer Fortschritt berufliche Anforderungen bestimmt, lässt sich an einem anderen Beispiel verdeutlichen. Wer jetzt übers Land fährt, sieht überall Mähdrescher am Werk, wahre Wunderwerke der Technik, sehr komplexer Technik, die bei Bedarf von Landmaschinen-Mechanikern repariert werden müssen, vor Ort und schnell, weil das nächste Unwetter droht. Die Werkstatt dafür war in meiner Kindheit noch die Dorfschmiede mit Schmiedefeuer und Blasebalg.

Hinter dem Mismatch auf dem Ausbildungsstellenmarkt zeichnet sich immer deutlicher ein strukturelles Problem ab. Das duale System wird nicht so sehr durch steigende Studentenzahlen gefährdet, sondern wenn es nicht gelingt, trotzdem genügend junge leistungsbereite und –fähige junge Menschen für eine betriebliche Ausbildung zu gewinnen. Diese wird nicht gleich aus unserem Bildungssystem verschwinden, sie wird aber langsam dahinsiechen, wie man in vielen anderen Ländern beobachten kann. Auch dort fahren Mähdrescher über die Felder, werden gewartet und repariert, die notwendige Qualifizierung dafür findet aber nicht mehr in einer betrieblichen Ausbildung statt. Dabei geht es nicht nur um andere Qualifizierungswege, es geht um den Verlust einer Arbeitskultur, der Facharbeiter- und Handwerkskultur und damit auch um Industrie- und Handwerksmeister. Nicht zuletzt prägen selbständige Handwerksmeister unseren Mittelstand. Das alles steht auf dem Spiel, wenn wir den aktuellen Trends auf den Bildungsmärkten weiter tatenlos zusehen.

Die Organisationstheorie kennt die Regel, dass sich strukturelle Probleme nur mit einem Paradigmenwechsel lösen lassen. Das Paradigma, um das es hier geht, ist die allgemeine Überzeugung, dass Schüler und Schülerinnen mit guten Noten studieren sollen, die übrigen gehören ins duale System. Je besser diese schulische Auslese gelingt, desto gefährdeter ist die betriebliche Ausbildung. Paradigmen sind hartnäckig, das zeichnet sie aus. Peter M. Senge (Die fünfte Disziplin) meint, dass es die schwierigste Aufgabe einer lernenden Organisation ist, vorhandene Überzeugungen, Mentale Modelle, zu verändern.

Machen wir dazu ein kleines Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, wir führen im 9. Schuljahr eine Reihe von Tests zur beruflichen Eignung durch, dann bleibt noch ein Jahr für die Vorbereitung der Berufswahl. Wir testen alles, was wir von einer erfolgreichen Fachkraft erwarten, z. B. Gewissenhaftigkeit, Leistungsbereitschaft, Ausdauer, Innovations- und Problemlösefähigkeit, Aufgeschlossenheit für neue Verfahren und Techniken. An den Tests können wir noch etwas arbeiten, schließlich geht es um eine wichtige Entscheidung.

Alle, die in diesen Tests gut abschneiden, dürfen eine Ausbildung machen, der Rest muss studieren.

 

05.08.2016

© Johannes Koch

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