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Wie wir morgen (nicht) lernen werden

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 In diesem Monat findet in Karlsruhe die Learntec statt, eine Messe, die uns den Blick auf die Zukunft des Lernens verspricht, nicht auf die ganze, es geht laut Subtext um Lernen mit IT. Das sind zum einen digitale Lernmedien bzw. Lernprogramme, zum anderen Lernplattformen zur Steuerung des Lernens mit solchen Programmen. Wer z. B. als Leiter der Aus- und Weiterbildung die Messe besucht, findet ein breites Angebot IT-gestützter Lehrmittel. Wie und wofür er diese Mittel einsetzen will, muss er selber entscheiden. Nicht die Anbieter, sondern die Nutzer werden die Zukunft des Lernens prägen. Ein begleitender Kongress mit vielen Vorträgen von Experten soll bei der Auswahl helfen. Vorgestellt werden überwiegend Szenarien für den sinnvollen Einsatz des Lernens mit IT. Dazu hier einige Überlegungen:

Jede Entscheidung über den Einsatz von Lehrmitteln, setzt eine Vorstellung vom Lernen voraus. Im betrieblichen Kontext muss dieser Einsatz nicht nur sinnvoll, sondern auch noch effizient sein. Aus- und Weiterbildung sind Kostenfaktoren. Die Beschaffung von Lehrmitteln muss begründet werden, sie sollen möglichst Kosten senken, oder müssen besonders wirkungsvoll sein. Wie Menschen lernen, wird durch Lerntheorien beschrieben. Wer in ein einschlägiges Fachbuch schaut, findet mindestens drei. Ich bezweifle, dass sie bei der Entscheidung über den Einsatz von IT-gestützten Lehrmitteln hilfreich sind. Lerntheorien werden nicht entwickelt, um Lernverantwortlichen im Betrieb ihre Entscheidungen zu erleichtern, sondern beschreiben Konzepte der Lernforschung.

In meinem Studium wurde mir vermittelt, Lernen sei Verhaltensänderung, als ob der Kopf damit nichts zu tun hätte, das Ergebnis eines der wohl grandiosesten Missverständnisse, Folge eines Forschungsparadigmas, nachdem sich Lernprozesse im Gehirn nicht beobachten lassen und wir deshalb wissenschaftliche Aussagen nur über sicht- und messbare Lernergebnisse, also Verhalten, machen können.

Inzwischen gelten behavioristische (behave=sich verhalten) Lernmodelle als überholt. Und durch neue bildgebende Verfahren können wir dem Gehirn durchaus beim Lernen zusehen, wenngleich die Neurophysiologen uns trotzdem nicht erklären können, wie das Gehirn Begriffe bildet, dem notwendigen Kern jeder Lerntheorie. Das versuchen zwar die beiden anderen Theorien, der Kognitivismus und der Konstruktivismus, aber auch sie dürften den betrieblichen Entscheider eher ratlos zurücklassen. Deshalb wird hier ein mehr pragmatischer Ansatz vorgestellt.

Aus der Sicht praktischer Anwendung folgen die meisten lerntechnischen Angebote einem Modell, das in den Theorien gar nicht vorkommt, das aber als Bild wohlbekannt ist, dem Nürnberger Trichter. Übersetzt in die IT-Sprache, beim Gehirn handelt es sich um einen großen Datenspeicher, den es über digitale Medien zu füllen gilt.

Natürlich wird kein Anbieter seine Produkte als Nürnberger Trichter anpreisen, aber meist bleibt nur das als plausible Erklärung übrig. Ein Beispiel sind die gerade sehr aktuellen MASSIVE OPEN ONLINE COURSES (MOOC), die bisher überwiegend aus abgefilmten Vorlesungen bestehen. Die Vorstellung vom Lernen ist, dass Nutzer allein zuhause vor ihrem PC sitzen, oder unterwegs mit einem Tablett sind, und sich diese Vorlesungen ansehen und -hören. Man kann das als Lernen bezeichnen, wir sind ein freies Land, und Lernen ist kein geschützter Begriff. Oder sogar als individualisiertes, mobiles Lernen verklären, weil man dafür nicht einmal mehr zu einer bestimmten Zeit in einen Hörsaal muss. Und die Vertreter von MOOCs werden auf begleitende Online-Seminare hinweisen. Es bleibt aber die Frage, warum macht man das? Wie kann man auf die Idee kommen, eine der am wenigsten effizienten Einweg-Lehrformen würde dadurch besser, dass man sie über elektronische Netze „massiv“ verbreitet? Ganz sicher, wer Lehrmittel nach dem Modell Nürnberger Trichter sucht, wird auf der LERNTEC ein breites Angebot finden.

Ich bin ein bekennender Fan netzgestützten Lernens und überzeugt, ohne die „massive“ Nutzung digitaler Medien werden wir die Lernanforderungen der schnellen Veränderungen in unseren Gesellschaften nicht bewältigen können. Elektronische Netze sind eine riesige Chance für verbesserte Lernmöglichkeiten. Wir sollten gerade deshalb nicht die Fehler wiederholen, an denen das Programmierte Lernen in den 1970ern gescheitert ist, der Vorstellung vom Lernen als Speichern von Daten.

Ich plädiere dafür, das Bild von der Zukunft des Lernens an den Begrifflichkeiten des Wissensmanagements zu orientieren. Danach können elektronische Netze und digitale Medien nur Daten transportieren. Damit aus Daten Informationen werden, müssen sie von den Lernenden nach ihren eigenen Relevanzkriterien in ihr Ordnungssystem integriert werden. Diesen Prozess können Medien durch die Form ihrer Präsentation unterstützen. Unterstellt, es soll Wissen vermittelt werden, dann ist dafür ein weiterer Schritt notwendig. Ausnahmsweise will ich in meinem Blog dafür zitieren: „Wissen entsteht durch den Einbau von Informationen in Erfahrungskontexte, die sich in Genese und Geschichte des Systems als bedeutsam für sein Überleben und seine Reproduktion herausgestellt haben.“ (Willke, H. :Systemisches Wissensmanagement. 2. Aufl. Stuttgart 2001, S. 11.) Als System kann ein einzelner Mensch, eine Familie, eine ganze Gesellschaft oder im beruflichen Kontext ein Unternehmen verstanden werden. Über die Relevanz dieser beiden Prozesse für das berufliche Lernen entscheiden betriebliche Anforderungen.

Der von Willke hier übernommene Wissensbegriff legt nahe, Lernen nicht individualisiert, sondern kommunikativ und kooperativ, bevorzugt in einer Community of Practise, zu gestalten. Auch das ist netzgestützt möglich. Für das computerunterstützte kooperative Lernen (CSCL) hat sich ein eigenes interdisziplinäres Fachgebiet entwickelt, mit beachtlichen Forschungsergebnissen, wie es sich wirksam gestalten lässt. Als Programm kann jede Kollaborationssoftware genutzt werden, manche sogar kostenlos. Wer unbedingt eine Lernplattform will, sollte sich das ebenfalls kostenlose MOODLE ansehen. Ihre Konstruktion entspricht dem aktuellen Stand der Lernforschung.

Berufliche Bildung hat beim netzgestützten Lernen einen besonderen Vorteil, weil viele Hersteller Informationen zu ihren Produkten im Netz zur Verfügung stellen. Mit einer aufgabenbasierten Didaktik lassen sich diese Inhalte strukturiert oder als Mikro-Lernen situiert abrufen. Allerdings bedeuten kostenlose Programme und Inhalte nicht, dass dieses Lernen billig ist. Wenn ein Unternehmen digitale Medien einsetzt, um damit Geld für Aus- und Weiterbildung zu sparen, darf es nicht mit akzeptablen Ergebnissen rechnen. Es wird nicht ausreichen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen PC-Platz und Lehrprogramme zur Verfügung zu stellen. Auch und gerade lernen mit digitalen Medien muss gestaltet werden. Nach allen Erfahrungen funktioniert kooperatives Lernen nur mit guten Tutoren, ob online oder präsent. Vor allem die Übertragung des Gelernten in die Praxis braucht Anleitung. Ohne Frage, die digitalen Lernwelten haben eine große Zukunft vor sich. Wir sollten uns dafür auch von modernen Nürnberger Trichtern verabschieden.

 

 

16.01.2016

© Johannes Koch

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