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Ein Masterplan für duale Studiengänge

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 Seit meinem letzten Blog hat das Gejammer über unbesetzte Ausbildungsplätze noch zugenommen. Dabei gibt es Abhilfe: Duale Studiengänge. Es gibt sie zwar schon, aber offensichtlich nicht genug, um ausreichend Abiturienten für die betriebliche Ausbildung zu gewinnen. Duale Studienangebote sind bisher Ausnahmen, Exoten, sie müssen ein gleichwertiger und gleichgewichtiger Weg ins Berufsleben werden, wenn die betriebliche Ausbildung ihren Stellenwert behalten soll. Nicht für alle Auszubildenden, aber für sehr viel mehr als bisher.

Ich knüpfe an die Argumente in meinem letzten Blog an: Wir haben nicht nur ein quantitatives, sondern vor allem ein qualitatives Problem im Dualen System. Die Anforderungen an Fachkräfte steigen in den meisten Berufen dramatisch. Mit wem wollen Unternehmen Industrie 4.0 realisieren, wenn sie nicht hinreichend dafür ausbilden?

Um Abiturienten als zukünftige Facharbeiter zu gewinnen, müssen Unternehmen auch erreichen, dass Abiturienten nicht, wie bisher üblich, nach der (meist verkürzten) Ausbildung doch noch ein Studium beginnen, sie sind damit nicht nur für den Ausbildungsbetrieb, sondern auch für anspruchsvolle Facharbeit verloren. Auch diesem Mechanismus kann ein Duales Studium entgegenwirken, vorausgesetzt Unternehmen öffnen damit attraktive Berufskarrieren.

Vorgeschlagen wird deshalb hier ein Masterplan, mit dem sich die Anzahl dualer Studiengänge in kurzer Zeit relevant steigern lässt. Dazu ist notwendig:

1.       Studiengänge, die sich an vorhandenen Berufen orientieren.
Nur so lässt sich sicherstellen, dass im Studium praxisrelevante Inhalte vermittelt werden. Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrpläne für den Berufsschulunterricht beschreiben detailliert Vorgaben, die auch als Grundlage für ein wissenschaftlich basiertes Studium dienen können. Der Ausbildungsberuf sollte im Bachelorabschluss erkennbar sein (z. B. Mechatroniker/Mechatronikerin und Bachelor für angewandte Mechatronik). Es müssen keine neuen Studiengänge konzipiert werden. Ein vergleichbares Expertennetz, wie es das Bundesinstitut für Berufsbildung für die Entwicklung der Ausbildungsordnungen nutzt, kann keine Hochschule allein aufbauen, geschweige denn finanzieren. Wer Zweifel hat, ob so etwas geht, sollte sich die Work-Based-Studies in Großbritannien anschauen.

2.       Realisierung der Dualen Studiengänge als netzgestützte Fernstudien.
Soll auch kleineren und mittleren Unternehmen ein Duales Studienangebot ermöglicht werden, muss der duale Partner bundesweit und flächendeckend erreichbar sein. Das kann nur das Internet leisten. Weite Reisen und längere Unterbringungen an entfernten Hochschulstandorten, typisch heute für Duale Studiengänge, sind nach dem Stand der Bildungstechnologie anachronistisch und überflüssig. Der Deutschen Telekom AG ist es für ihre netzgestützten Studienangebote gelungen, die Präsenzzeiten auf 10-12 Wochen zu beschränken, für die gesamte Studiendauer von 3 Jahren.
Nur virtuelle Lernortkooperationen erlauben eine direkte Verbindung von Theorie und Praxis.

3.       Bundesfinanzierung für virtuelle Duale Studiengänge.
Duale Studiengänge dürfen weder für Betriebe noch für Studierende teurer sein, als mit kostenlosen Berufsschulen als dualem Partner. Finanziert werden sollte bundesweit jeweils nur eine Hoch- oder besser noch Fachhochschule. Vorbild kann die Fernuniversität Hagen sein, notfalls auch diese selbst, wenn sie ihre Angebote endlich auf den zeitgemäßen Standard der Unterrichtstechnologie bringt (kollaboratives Lernen im Netz).

4.       Kooperation mit örtlichen Berufsschulen.
Ganz verzichten auf Präsenzzeiten am Hochschulstandort lässt sich, wenn man dieses Programm in Kooperation mit Berufsschulen durchführt. Berufsschullehrer könnten das Online-Tutoring übernehmen mit Hochschullehrern als ergänzenden Experten, Präsenz-Workshops durchführen und Klausuren und Prüfungen organisieren. Eine solche Kooperation würde zugleich als kontinuierliche Weiterbildung für Berufsschullehrer wirken.

5.       Regelung dieser Dualen Studiengänge im BBiG.
Wünschenswert ist für ein solches Programm ein rechtlicher Rahmen, der sich durch die Aufnahme ins BBiG mit geringem legislativen Aufwand herstellen lässt.

Nach diesem Programm können Betriebe frei entscheiden, ob sie eine Ausbildung konventionell mit dem Besuch einer Berufsschule, oder als Duales Studium anbieten wollen. Ein entsprechendes Studienangebot wäre auch als Weiterbildung nach einer abgeschlossenen Ausbildung attraktiv und würde die Durchlässigkeit zwischen Ausbildung und Studium verbessern.

Die Bundesfinanzierung ausgewählter Hochschulen schließt die Angebote anderer Hochschulen nicht aus. Auch hier könnten Betriebe und Auszubildende nach wie vor frei wählen. Ein Betrieb, der lieber mit seiner örtlichen Fachhochschule kooperiert, kann das auch weiterhin tun. Der Wettbewerb der Hochschulen ist so gesichert, und das Ausruhen auf ergatterten Pfründen ausgeschlossen.

Ein Facharbeiterabschluss auf einem höheren Niveau würde Unternehmen zudem eine deutlichere Lohndifferenzierung erlauben und damit qualifizierte Fachkräfte im Betrieb halten.

Schließlich erlaubt der hier skizzierte Masterplan einen breiten Einstieg in digitale Lernwelten für ein neues Qualifizierungsfeld, ohne auf vorhandene Besitzstände und Befindlichkeiten Rücksicht nehmen zu müssen. In diesem Programm gäbe es nur Gewinner.

 

09.09.2016

© Johannes Koch

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