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Nochmal: Flüchtlinge

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 Es gibt gegenwärtig kein wichtigeres Thema: Wie kann die große Zahl von Flüchtlingen integriert werden? Die Antwort hängt vor allem davon ab, wie gut die Aufnahme in den Arbeitsmarkt gelingt. Die politischen Signale dazu sind widersprüchlich.

Einerseits erklären nach einer Umfrage ein Drittel der befragten Betriebe, sie würden Flüchtlinge einstellen, andererseits wirkt offensichtlich immer noch die alte Abschreckungspolitik, die diese Form der Integration mit möglichst hohen bürokratischen Hürden zu verhindern sucht. Dieses Problem kann die Bildungspolitik nicht lösen, hier ist der Innenminister gefordert.

Aber auch die bildungspolitische Diskussion tut sich schwer. Es geht vor allem um die Einschätzung, welche Qualifikationen bringen die Flüchtlinge mit, und wie lassen sich noch fehlende vermitteln?

Kürzlich konnte man aus der Arbeitsagentur die Vermutung hören, nur fünf Prozent seien ohne weitere Qualifizierungsmaßnahmen auf offene Stellen zu vermitteln. Gleichzeitig liest man im Spiegel Nr. 9 einen Bericht über Handwerker aus Osteuropa. In dem Artikel geht es vornehmlich um Schwarzgeld, aber vermittelt wird auch die Botschaft, ein polnischer Handwerker könne auch ohne deutschen Gesellenbrief Fliesen grade an eine Wand kleben. Von Syrern heißt es, sie seien gute Handwerker, die Baubranche boomt. Was stimmt nun? Alles! Die Wirklichkeit ist kompliziert.

Die Schattenwirtschaft existiert, nicht nur in der Baubranche, auch in der Gastronomie. Und Insider berichten, in beiden Bereichen würden bereits Flüchtlinge arbeiten. Allerdings – wie dem Spiegel-Artikel zu entnehmen ist – es wird nicht einmal Mindestlohn bezahlt. Manchmal auch gar nichts. Es ist ein rechtsfreier Raum. Wenn man nicht will, dass Flüchtlinge darin landen, sind Wege in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu ebnen. Dazu muss man sich mit dem deutschen Berufssystem beschäftigen. Und wieder stellt sich die Frage, welche Qualifikationen die Flüchtlinge mitbringen?

Aber braucht man für jede Arbeitstätigkeit eine bestimmte Qualifikation? Etwa ein Drittel aller Beschäftigten üben Tätigkeiten aus, für die keine formale Qualifikation vorausgesetzt wird. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn auch die Definition für einen Un- oder Angelernten ist umstritten. Nicht umstritten ist, dass der Anteil entsprechender Arbeitsplätze zurückgeht, teils als Folge der Automatisierung, teils durch Verlagerung einfacher Tätigkeiten in Billiglohnländer. Auf die verbleibenden Arbeitsplätze drängen vor allem die, die schon immer da waren und die, die vom Strukturwandel betroffen sind. Deshalb werden Flüchtlinge in diesem Segment nur geringe Chancen haben.

Das lenkt den Blick auf die prognostizierte Facharbeiterlücke. Alle Flüchtlinge, die in ihren Heimatländern bereits gearbeitet haben, bringen Berufserfahrungen mit. Warum lassen sie sich damit nicht in unseren Arbeitsmarkt integrieren? Ein Problem ist das sog. Matching. Angebot und Nachfrage müssen zueinander passen. Dafür fand in Berlin gerade eine Berufsmesse für Flüchtlinge statt. Nach Presseberichten war der Erfolg nicht überwältigend. Eine mögliche Erklärung dafür über fehlende Sprachkenntnisse hinaus, die Wirtschaft sucht vor allem nach qualifizierten Fachkräften. Qualifiziert bedeutet in Deutschland, mindestens einen Ausbildungsabschluss zu haben. Was immer Flüchtlinge an Zertifikaten oder Berufserfahrung mitbringen, es muss den Standards deutscher Abschlüsse entsprechen, um als gleichwertig zu einem deutschen Abschluss anerkannt zu werden. Für diese Anerkennung ist extra ein neues Verfahren entwickelt worden, dem „Prototyping Transfer“. In diesem Verfahren können Flüchtlinge z. B. durch beobachtete Probearbeiten ihre Qualifikationen nachweisen.

Es lässt sich vorhersagen, dass auch dieses Verfahren nur einen geringen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen leisten wird. Der Grund sind breit konzipierte Ausbildungsordnungen, die damit meist über die Anforderungen einzelner Arbeitsplätze hinausgehen. Diese Breite unterscheidet qualifizierte Fachkräfte von Angelernten und wird als Berufsprinzip bezeichnet und verteidigt. Sicher kann ein polnischer Handwerker Fliesen an die Wand kleben (wie jeder Heimwerker auch). Aber kennt er die einschlägigen DIN-Vorschriften? Bringt er die Dampfsperre auf der richtigen Seite der Dämmung an? Verhindert er beim Aufbau einer Gipskartonwand Schallbrücken? Nach meiner subjektiven Erfahrung eher nicht. Das und mehr zu vermitteln, ist eine der Stärken deutscher Ausbildung, deshalb muss man drei Jahre lang lernen. Es ist also eher unwahrscheinlich, dass ein Flüchtling über Prototyping Transfer mehr als eine Teilqualifikation anerkannt bekommt. Damit kann man sich zwar auf dem Arbeitsmarkt bewerben, konkurriert dann aber wieder mit Angelernten, zumal auch die meisten Tarifverträge Qualifikationen an Abschlüssen festmachen.

Viele Flüchtlinge werden deshalb keine andere Wahl haben, als einen deutschen Berufsabschluss zu erwerben, wenn sie eine hinreichend gut bezahlte Beschäftigung finden wollen, auch wenn sie über das übliche Alter für eine Erstqualifizierung hinaus sind. Aufgabe der Bildungspolitik wird es sein, Qualifizierungswege zu öffnen, mit denen Flüchtlinge sowohl ihre vorhandenen Berufserfahrungen nutzen, als auch einen anerkannten Berufsabschluss erwerben können. (Hier ein Programmvorschlag zur arbeitsbegleitenden Qualifizierung.)

 

04.03.2016

© Johannes Koch

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