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Prozessorganisation im Betrieb

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Es gibt eine erste Rückmeldung zum Ausbilden in Arbeitsprozessen: Wichtigster Kritikpunkt: Betriebe mit einer durchgängigen Prozessorganisation seien bisher eher die Ausnahme als die Regel.

Dies sagt jemand, der fast jede Woche Führungskräfte aus mittleren Unternehmen und aus der ganzen Republik in seinen Seminaren hat. Er wird also wissen, wovon er redet.

Zu dieser Kritik fallen mir zwei Antworten ein:

Zum einen, die Anleitung ist überwiegend aufgabenbasiert. Nur drei Lernschritte aus der  Erkundung setzen Prozessbeschreibungen voraus. Auch wenn man alles, was mit Prozessen zu tun hat, in den Lernaufträgen fortlässt, kann das Anleitungskonzept funktionieren. Manchmal wird es reichen, Prozesse durch Abläufe zu ersetzen.

Zum zweiten, wenn das so ist, dass bisher nur wenige Betriebe über durchgängige Prozessbeschreibungen verfügen, und in noch weniger Betrieben von den Fachkräften in Prozessen gedacht wird, kann ein prozessorientiertes Ausbildungskonzept nützlich sein.

Es gibt m.W. keine Untersuchungen zum Stand der Prozessorganisation in deutschen Unternehmen. Meine eigenen Erfahrungen stammen vor allem aus großen Unternehmen. Auch aus dieser Perspektive kann ich die Einschätzung des Kollegen teilen. Prozessdenken findet überwiegend in den Köpfen von Führungskräften statt. In den Werkstätten und Büros wird an Aufgaben gearbeitet. Die für mich entscheidende Frage ist deshalb, soll es dabei bleiben? Kann man damit zufrieden sein? Meine Antwort ist nein.

Dahinter  steckt eine grundsätzliche Überlegung: Es spricht alles dafür, dass ein Faktor für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, vor allem im Maschinen- und Anlagenbau, die gute Qualifikation der Fachkräfte ist, die wiederum dem dualen System der beruflichen Bildung zugeschrieben wird. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass sich mit der Automatisierung und Informatisierung industrieller Produktion die Anforderungen an Fachkräfte verändern. Ausführende Tätigkeiten nehmen ab, disponierende, koordinierende, steuernde, regelnde, kontrollierende nehmen zu. Die bisher übliche Form in der arbeitsteilig organisierten Industrie auf neue Anforderungen zu reagieren, ist Spezialisierung. Vorteil, nur wenigen Fachkräften müssen notwendige neue Qualifikationen vermittelt werden. Das bedeutet aber gleichzeitig die schleichende Dequalifizierung anderer Fachkräfte, mit der Tendenz, dass deren Aufgaben auf Anlerntätigkeiten reduziert werden. Das führt in der Konsequenz zu einer Arbeitsorganisation, die der unserer internationalen Mitbewerber entspricht. Damit geht ein wichtiger Wettbewerbsvorteil verloren.

Hierzu noch ein weiteres Argument: Bei allen Vorzügen der betrieblichen Ausbildung im dualen System, unter den Bedingungen des schnellen technischen und organisatorischen Wandels zeigt sich auch ein gravierender Nachteil. Gelernt werden kann im Betrieb nur das, was in der Praxis, d.h. von den vorhandenen Fachkräften eingesetzt wird. Damit ist die betriebliche Ausbildung im Prinzip strukturkonservativ. Eine Folge ist, dass neue Qualifikationen meist über Weiterbildung ihren Weg in die Ausbildung finden. Angesichts der inzwischen üblichen Innovationsgeschwindigkeiten ist das zu langsam. Wollen wir die breite und hohe Facharbeiterqualifikation erhalten, müssen wir neue Wege für die Einführung aktueller Qualifikationen in die betriebliche Ausbildung finden.

Ein solcher Ansatz wird mit der Anleitung zum Ausbilden in Arbeitsprozessen vermittelt. Die Lernaufträge formulieren aktuelle Anforderungen. Sie sind damit eine Herausforderung nicht nur für Auszubildende, sondern möglicherweise auch für betreuende Fachkräfte. Wenn nun noch die Lernaktivitäten der Auszubildenden durch Experten aus entsprechenden Arbeitsbereichen, wie z.B. dem Qualitätsmanagement, unterstützt werden, kann dieses Ausbildungskonzept zu einem hilfreichen Werkzeug werden, neue Qualifikationen, bzw. neue Sichtweisen, in die betriebliche Praxis hineinzutragen.

Um dieses Konzept weiterzuverfolgen, arbeite ich gegenwärtig an einer Anleitung zur Vermittlung von Prozesskompetenz als Grundbildung. Über Anregungen dafür, oder besser Kooperationsangebote, würde ich mich freuen.

 

 

29.10.2015

© Johannes Koch

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