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Friede auf Erden

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Die zentrale Botschaft zum Weihnachtsfest erinnert daran, dass Frieden nicht selbstverständlich ist,  der äußere wie der innere, besonders der innere. Eine verstörende Hasswelle gegen alle Fremden bricht sich Bahn von den Stammtischen in die Medien. Scheinbar unbegreiflich, das zeigen die vielen Erklärungsversuche, meist sozialpsychologisch als Form der Abgrenzung bis zu psychoanalytisch als Ergebnis von Verlustängsten aus früher Kindheit. Fremdenhass als eine Art sozialer Krankheit? Eine andere Erklärung liefert die Kulturanthropologie, vor allem die strukturalistische. Danach ist Fremdenfeindlichkeit angeboren, ebenso wie die Fähigkeiten zu Empathie und Fürsorge.

Kulturanthropologen untersuchen sogenannte primitive Völker, um die genetischen Wurzeln menschlicher Gesellschaften besser zu verstehen.

Sie finden auch heute noch z. B. in den Urwäldern Südamerikas kleine Gruppen von Indianern, die unter nahezu steinzeitlichen Bedingungen leben. Für sie ist die Angst vor Fremden überlebensnotwendig, nicht nur die vor weißen Goldgräbern oder Holzfällern, sondern auch vor anderen Indianergruppen, die leben wie sie selbst. Begegnen sie einer anderen Gruppe, zufällig oder absichtlich, haben sie keine andere Wahl, als sie zu bekämpfen, auf Leben und Tod. Levi Strauss beschreibt in „Traurige Tropen“ (Original 1955),  dass es zu den Aufgaben der Häuptlinge solcher Gruppen gehört, sich heimlich mit anderen Häuptlingen zu treffen, um durch Absprachen unverhoffte Begegnungen zu vermeiden. Am meisten beeindruckt hat mich die Beschreibung von Eibl-Eibesfeld (Liebe und Hass, 1970), wie zwei Gruppen in einem über drei Tage dauernden Ritual Frieden miteinander schließen, der schließlich durch Blutsbrüderschaften und wechselseitige Heiraten stabilisiert wird. Seitdem habe ich eine Vorstellung, wie mühsam Frieden ist, welche kulturelle Leistung es bedeutet, dass heute in Großstädten Millionen Menschen, teilweise ganz unterschiedlicher Herkunft, weitgehend friedlich zusammen leben. Brennende Flüchtlingsheime zeigen, wie wenig selbstverständlich das ist.

Eine konzeptionelle Grundlage der strukturalistischen Ethnologie ist das Verständnis von Natur und Kultur als Kontinuum. Danach ist der Homo Sapiens nicht nur vernunft-, sondern auch instinktgesteuert. Zwar geben seine angeborenen Instinkte keine bestimmten Handlungsabläufe vor, wie wenn die Hauskatze das sprichwörtliche Mausen nicht lassen kann. Die Instinkte sind aber als Antriebssysteme noch wirksam. An die Stelle der Ablaufkontrolle kann überlegtes Handeln treten, das erlaubt flexiblere Reaktionen auf unterschiedliche Anforderungen. Menschen müssen Fremde nicht töten, sie können lernen ihnen freundlich zu begegnen. Das Lernergebnis wird als Kultur oder auch Zivilisation kollektiviert und weitervermittelt. Kultur füllt die Lücken, die die Instinktsteuerung freigibt. Dafür nutzt die Kultur ebenfalls vorhandene Instinkte wie Empathie und Fürsorge.  Natur gibt vor, sich gegen Fremdes abzugrenzen: Wer fremd ist, und wie die Abgrenzung erfolgt, kann kulturell bestimmt werden. Die Instinkte selbst sind der Vernunft nicht zugänglich und werden deshalb überwiegend als Gründe für kulturelle Regelungen nicht wahrgenommen. Dann müssen andere Begründungen gefunden, oder, wenn es keine vernünftigen Gründe gibt, Mythen erfunden werden.

Die Unterscheidung von guten und bösen Instinkten führt hier nicht weiter, denn alle Instinkte haben bei ihrer Entstehung zum Überleben beigetragen. Unter veränderten Bedingungen können sie dann aber lebensgefährdend werden, wenn es nicht gelingt, die Kultur rechtzeitig anzupassen.

Die Verbindung von Instinkten und Mythen macht Fremdenfeindlichkeit sozial so gefährlich, und erklärt die Missbrauchsmöglichkeiten durch politische Propaganda. Die auf ihnen aufbauende Kultur oder Unkultur, je nach Betrachtungsweise, ist Argumenten nur schwer zugänglich. Auch Pegida braucht Mythen zur Rationalisierung ihrer fremdenfeindlichen Instinkte, z. B. die vergewaltigter Frauen. Mythen werden geglaubt, weil sie die eigene Kultur rechtfertigen. Und wer dann anderes behauptet, kann nur ein Lügner sein.

Mythen sind verführerisch, wir sind ihnen aber nicht hilflos ausgeliefert. Kultur wird von Menschen geschaffen, die entscheiden können, welchen Mythen sie folgen wollen. Weihnachten wird bestimmt von dem Bild der Krippe mit einem Neugeborenen in einem Stall, das nicht nur Hirten vom Felde, sondern sogar drei leibhaftige Könige besuchen, ein starker Mythos für die Gleichheit der Menschen und möglicher Friedfertigkeit. Das Kind in der Krippe weist darauf hin, an welche Instinkte hier appelliert wird, an die für Empathie und Fürsorge, die ihre Ursprünge in der Brutpflege haben, ohne die es uns alle nicht geben würde.

Wie wir erleben, hat auch der starke Weihnachtsmythos den Frieden auf Erden nicht sichern können, nicht einmal unter Christen. Wer dafür Belege sucht, muss nicht zum dreißigjährigen Krieg zurückgehen, es reicht, einen Flug nach Belfast zu buchen und dort an einer Citytour teilzunehmen. Nicht nur der Islam kann gewalttätig interpretiert werden. Es gibt keinen Grund für Überheblichkeit. Der Lack der Zivilisiertheit ist  überall dünn, und manchmal fehlt eine Schicht auch vollständig.

Weihnachten ist für mich immer ein Anlass, besonders dankbar für ein Leben in Frieden zu sein, wenngleich nicht in einer friedlichen Welt. Aber es ist mir erspart geblieben, auf andere Menschen schießen zu müssen oder Angst zu haben, selber erschossen zu werden, wie es für die Generation meines Vaters noch unvermeidbar war. Das ist nicht mein Verdienst, umso dankbarer bin ich dafür.

Gegenwärtig schaffen Menschen sich einen neuen Mythos, den der Willkommenskultur. Er passt gut zum Kind in der Krippe im Stall.

Frohe Weihnachten!

 

 

21.12.2015

© Johannes Koch

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